Hallo nach Deutschland!
Nun habe ich euch wirklich lange warten lassen, seit meinem letzten Blogeintrag. Hiermit teile ich euch also mit: ich lebe noch und mir geht es gut!
Das letzte Mal habe ich euch von unserem Aufenthalt in Goa erzählt und seitdem ist eine ganze Menge passiert. Nachdem wir wieder ein paar Tage im Projekt waren und uns wieder einigermaßen ins Projekt eingelebt haben – so gut das eben geht, wenn jede Woche mindestens ein Feiertag ist oder irgendein anderes Programm, das uns davon abhält, zu unterrichten – haben Sally und ich (wir Glückspilze) dann auch noch Bindehautentzündung bekommen. Ich war am Montagmorgen ziemlich geschockt, da ich mit einem mega dicken Auge augewacht bin. Das erste was ich mir dachte: „Lisa, was hast du jetzt schon wieder gemach?“. Die Lehrerinnen wollten uns erst nur zur Apotheke schicken, aber irgendwie war es mir dann lieber, zu einem Arzt zu gehen, ich wusste ja nicht, dass es sich um eine Bindehautentzündung (Conjunctivitis auf Englisch, unser Wort für den dritten Monat :-) ) handelt. Dharani, die Lehrerin der Nähklasse, hat zufällig zur selben Zeit in der Schule angerufen und mit Sally vereinbart, dass wir uns in Madikeri treffen, um gemeinsam einen Arzt aufzusuchen. Also fuhren wir nach Madikeri und trafen dort wie vereinbart Dharani: irgendwann bekamen wir durch Zufall mit (nachdem sie sich, wie sie meinte, für eine Hochzeit umziehen würde), dass sie uns jetzt mit auf eine Hochzeit nehmen würde. Wir waren etwas verdattert und nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass sie das zu Sally am Telefon gesagt hatte. Dieses Beispiel zeigt die Missverständnisse und Kommunikationsprobleme hier in Indien, mit denen wir tagtäglich wieder konfrontiert werden. Fazit der Sache war dann, dass wir natürlich nicht mit auf die Hochzeit gegangen sind und stattdessen zu einer Augenärztin, die mir dann mitteilte, dass ich Bindehautentzündung habe und dass das hier in der Region sehr häufig sei.
Und wie es der Zufall wollte, hat es dann drei Tage später auch Sally bekommen. So konnten wir uns gegenseitig auslachen und gleichzeitig bemitleiden! Wir verbrachten ungefähr eine Woche in unserem Zimmer, da wir von den anderen etwas sonderbar behandelt wurden.
Nach einer Woche hatten wir also das auch hinter uns und machten uns am Freitag, den 19. November, gleich morgens auf den Weg nach Metupallayam . Das ist eine Bergstadt in Tamil Nadu – von dort aus startet eine besondere Zugfahrt nach Ooty, diese Fahrt mit einem sehr alten Zug dauert ungefähr vier Stunden, da man ungefähr 10 km /h fährt, dafür, so stand im Reiseführer, soll man eine unglaubliche Landschaft sehen . Die Fahrt nach Metupallayam hat ungefähr neun Stunden gedauert (ja, man nimmt hier schon sehr lange Fahrtzeiten in Kauf – das hilft mir auf jeden Fall, etwas geduldiger zu werden) und so kamen wir am späten Abend in Tamil Nadu an: natürlich war die Busfahrt wie immer holprig, aber was sage ich euch das, mittlerweile müsstet ihr das schon wissen :-)
Der Mann an der Rezeption unseres Hotels erklärte uns, dass wir schon sehr früh morgens an den Bahnhof müssten, um noch Plätze im Zug zu bekommen. Nach ungefähr sechs Stunden Schlaf wurden wir um kurz vor fünf Uhr morgens vom Wecker aus dem Bett gerissen und liefen verschlafen zum Bahnhof. Dort gingen wir zum „Train Master“ und erklärten ihm, dass wir gerne ein Zugticket hätten – der Hotelchef erklärte uns, dass man als „Weiße“ Vorteile hat, Tickets zu bekommen. Also versuchten wir es natürlich erst hier, da auch im Reiseführer stand, dass diese Zugtickets heiß begehrt und begrenzt sind.
Dieser schrieb uns etwas auf einen kleinen Zettel, schickte uns mit eher schlechtem Englisch weiter zum Tickethäuschen und erzählte noch irgendetwas von einer Schlange. Wir verstanden, wie so oft hier in Indien bedingt durch das missverständliche Englisch, nur Bahnhof – im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwann hielten wir dann unser Ticket in den Händen und machten uns auf den Rückweg ins Hotel, um dort unser restliches Gepäck zu holen. Schnell liefen wir wieder zurück zum Bahnhof. Noch zwanzig Minuten vorher schien alles wie ausgestorben… auf einmal wuselt es nur noch so vor Menschen. Dies ist auch eine Tatsache, die uns jedes Mal wieder auf ein Neues überrascht. Räume, Busse oder wie in dem Fall der Bahnhof können innerhalb der kürzesten Zeit von total vielen Indern überfüllt sein, wie aus dem Nichts. Endlich begriffen wir dann auch, was es mit der Schlange auf sich hatte. Um in den Zug zu kommen, muss man sich in einer Schlange aufstellen, wer nicht mehr hereinkommt, trotz Ticket, hat Pech gehabt. So funktioniert das eben in Indien :-) Nach ungefähr 45 Minuten saßen wir dann glücklich im Zug und warteten noch etwas, bis es endlich losging.
Und was dann kam, war wirklich total schön. Diese Zugfahrt ging durch eine atemberaubende, bisher unangetastete Landschaft Indiens, quer durch die Berge von Tamil Nadu. Wir waren wirklich fasziniert…so dreckig und voller Müll die meisten Städte hier in Indien aussehen, so wunderschön, sauber und einzigartig sieht die Landschaft hier dagegen aus. Auch das steht völlig im Kontrast zum Rest.
Vier Stunden konnten wir es genießen, eine der schönsten Seiten Indiens zu sehen:
Der Endstop war dann Ooty, dort hielten wir an einem alten und schön erhaltenen Bahnhof – wir waren ganz überrascht, da die Bahnhöfe sonst wirklich eklig und dreckig aussehen.
Wir haben dann den Tag noch in Ooty verbracht, wo es seeeehr (…) kalt war!! Wahrscheinlich sind wir gar nichts mehr gewöhnt, aber so gefroren habe ich schon lange nicht mehr in der Nacht. Die Stadt hat uns sehr gut gefallen, da sie mitten in den Bergen lag und den Charme einer typischen indischen Kleinstadt hat: ein quirliger Markt, ein Tempel und kleine Gässchen, in denen man auf der Straße kocht und kleine Kinder herumspringen.
Am nächsten Tag ging es dann auf einer ungefähr acht-stündigen Busfahrt zurück nach Suntikoppa. Die folgende Woche lief dann auch wie sonst immer ab: am Dienstag hatten wir einen Feiertag und die sonstigen Tage verbrachten wir damit, den Kindern Englisch und Mathe beizubringen. Warum ich das so beiläufig sage? Man ist hier teilweise sehr gefrustet, weil man das Gefühl hat, nicht viel bewirken zu können. Die Kinder hören durch die große Sprachbarriere nicht so richtig auf uns und es erscheint uns sehr sinnlos, englische Wörter aufzuschreiben, die sie dann zehn Mal hintereinander nachschreiben, jedoch absolut nicht verstehen, was sie bedeuten. Die indischen Lehrmethoden sind wirklich fragwürdig, doch wir haben schon sehr früh begriffen, dass es keinen Sinn macht, daran etwas zu ändern, da die Lehrer teilweise selbst so schlechtes Englisch sprechen und nicht verstehen, was wir ihnen versuchen zu erklären. Man fügt sich also irgendwie und versucht wenigstens eine kleine Veränderung zu bewirken, indem man den Kindern mit Händen und Füßen erklärt, wie man zweistellige Zahlen addiert oder multipliziert.
Hampi hat uns total gefallen und sehr beeindruckt: eine Stadt, die inmitten von alten Ruinen, Tempeln, Palmen und riesigen Steinen liegt. Am ersten Tag liehen wir uns also ein Moped und fuhren mit ungefähr 35 km/h durch die Gegend – viel Hupen miteinbegriffen, irgendwie eignet man sich das hier in Indien wohl an. Der Linksverkehr war nicht ganz so schlimm, wie wir dachten, und so wechselten wir uns abwechselnd mit dem Fahren ab, wobei Sally die wirkliche Bikerin unter uns war, sodass ich so viele Bilder wie möglich machen konnte.
Hier ein kleiner Vorgeschmack dessen, was wir dort alles sehen konnten:
Am zweiten Tag liefen wir dann zu Fuß durch diese Umgebung und wunderten uns immer wieder, wie diese wunderschöne Landschaft so zustande kommen konnte. Diese vielen Steine, als hätte man sie aufeinander gesetzt und dann die vielen Palmen, eins war klar, schon unser erster Stopp war ein wirkliches Highlight!
Am dritten Tag konnten wir dann in einem sehr schönen Restaurant am Fluss unser Frühstück genießen, um uns dann später auf den Weg nach Hubli zu machen, dort sollte unser nächster Zug nach Varanasi abfahren. Als wir im Hotel ankamen, um unser Gepäck zu holen, fragten wir vorsichtshalber noch einmal nach, wie lange man nach Hubli fahren würde, und stellten mit großem Entsetzen fest, dass es mit dem Bus sechs Stunden von Hampi sind! Wir hatten bereits elf Uhr und sollten um 16 Uhr dort sein. Natürlich waren wir total aufgeregt, denn diese Zugfahrt war die längste von allen und es war eher unwahrscheinlich, noch Tickets dafür zu bekommen. Schnell suchten wir einen Rikschafahrer, der uns in die nächst größere Stadt fuhr, um dort nach Bussen zu schauen. Die Busfahrt hätte viel zu lange gedauert also beschlossen wir kurzerhand, dass wir mit einem Taxi fahren: wir mussten somit 2500 Rupien für die Fahrt von Hospet nach Hubli bezahlen, nur weil wir es verpennt hatten, nachzufragen, wie lange man nach Hubli fährt :-) Da wir jedoch einen sehr netten Fahrer hatten, der uns immer wieder versicherte, dass wir es schaffen würden, kamen wir tatsächlich pünktlich in Hubli an und saßen überglücklich im Zug, um 2500 Rupien leichter (das sind ungefähr 40 Euro für eine Strecke von drei Stunden, hier in Indien jedoch sehr viel Geld)!
Unser nächster Stopp sollte Varanasi mit dem berühmten Ganges sein! Doch vor uns lagen noch ungefähr 38 Stunden Zugfahrt, dazwischen ein kleiner Stopp in Itarsi. In Itarsi angekommen (irgendwie hatten wir es geschafft, 25 Stunden hinter uns zu bringen!), liefen wir ein bisschen durch die kleine Stadt und stellten fest, dass das wirklich das „wahre Indien“ war, hier herrschte kein Tourismus, nichts war auf Englisch beschriftet. Da unsere alte Handykarte abgelaufen ist und man in Indien als Tourist große Probleme hat, eine indische Simkarte zu bekommen, probierten wir es in dieser Stadt mit der Hoffnung, vielleicht doch noch eine zu kaufen. Doch auch hier klappte es nicht: vorerst! Keine zwei Minuten später lief jemand hinter uns her und meinte, er würde uns eine Handykarte schenken, er hätte 15 Stück. Zwanzig Minuten später waren wir dann also wieder stolze Besitzer einer Simkarte aus Itarsi :-) Wenn so etwas passiert, ist man eine Stunde später immer noch verwirrt und fragt sich, ob das wirklich passiert ist. Wer würde in Deutschland schon Handykarten verschenken?
Ungefähr 15 Stunden später kamen wir dann in Varanasi an!
Varanasi war das zweite Highlight auf unserer Reise: der Ganges, welcher von den Indern als heiliger Fluss gesehen wird, scheint wirklich auf gewisse Weise etwas Spirituelles auszustrahlen. An den Ghats (so werden die Ufer des Flusses genannt) sitzen überall Menschen, schwimmen kleine Boote, Wäsche wird gewaschen, Menschen baden, vor allem aber werden Menschen zeremoniell verbrannt! Das Wasser hat 1,5 Millionen Bakterien pro ml (ein Gewässer, in dem man baden darf, sollte maximal 500 Bakterien pro ml haben) und trotzdem wird es als heilig gesehen, darin gebadet, Wäsche gewaschen und ich denke teilweise auch getrunken. Für uns Westler natürlich eine sehr eklige Angelegenheit, aber trotzdem sehr schön anzusehen, wie es überall von Menschen wuselt, die sich am Wasser aufhalten. Zudem wird an den Ghats Wäsche aufgehangen, als sei es der Balkon vor der Wohnung: wo man hinschaut sieht man also Wäsche von den unterschiedlichsten Menschen – unter den Indern wird wohl nichts geklaut, denn ich glaube nicht, dass die Menschen die ganze Zeit bei ihrer Wäsche stehen bleiben!
Damit ihr auch seht, wie schön diese Stadt ist, habe ich natürlich wieder ein paar Bilder für euch:
Nach vier Tagen in Varanasi, in denen wir uns wohl in der „German Bakery“ satt gegessen haben, uns unzählige Male in den Straßen an den Ghats verlaufen haben (diese kleinen Gässchen und verwinkelten Straßen sind wirklich wie ein Labyrinth, trotzdem aber unglaublich schön) und zwei Bootsfahrten gemacht haben, machten wir uns auf den Weg nach Kalkutta.
15 Stunden Zugfahrt: glücklicherweise waren wir mit vier anderen Travellern in einem „Abteil“ (man kann nicht wirklich Abteil dazu sagen, es sind jeweils drei Pritschen, die sich gegenüberliegen), was bedeutete, dass wir weniger angestarrt werden. Ja, das ist eine Sache, die Sally und mich mittlerweile sehr stört. Man wird hier nicht nur kurz angeschaut, weil man eben anders aussieht, nein – man wird angestarrt, förmlich verschlingt mit den Augen. Das kann teilweise sehr unangenehm sein, deshalb sind wir nach nunmehr vier Monaten in Indien teilweise wirklich sehr froh, auf andere Westler zu treffen!
In Kalkutta angekommen, nahmen wir vom Bahnhof zunächst eine Fähre auf die andere Seite des Ganges um dort zur „Sudderstreet“ zu gelangen, die Touristenstraße im Herzen Kalkuttas.
Zu Kalkutta kann ich sagen, dass es anders ist, als man denkt – wie bei Mumbai dachte ich vorerst, Kalkutta sei eine absolut ärmliche Stadt, die nur so vor Bettlern, Dreck, Gestank und heruntergekommenen Gebäuden wimmelt. Tatsache ist aber, dass Kalkutta genauso wie Mumbai sehr viel Westliches vorzuweisen hat. Leider sieht man auch hier Müll und Dreck auf den Straßen ebenso wie arme Menschen, doch auf der anderen Seite hat die Stadt sehr viele neue Gebäude, westliche Gebäude, Cafés, schöne Restaurants, Einkaufszentren, Shoppingstraßen und wie in Mumbai, Gebäude, die man auch in England sehen kann.
Durch eine Rundfahrt mit einem Taxi und einem Guide, konnten wir uns ein Bild von der großen Stadt machen. Doch ganz so begeistert wie von Mumbai waren wir nicht – vielleicht lag es am Wetter, das sich eher von seiner schlechten Seite gezeigt hat, oder an der Tatsache, dass wir mal wieder (wie so oft in Indien) mit Magenproblemen zu kämpfen hatten. Über indische Großstädte kann man aber auf jeden Fall sagen, dass sie die beste Infrastruktur haben und am westlichsten von allen sind, doch leider sieht man teilweise mehr arme Menschen, die auf der Straße leben - welche wahrscheinlich dort gelandet sind, weil sie dachten, in einer Großstadt mehr Chancen zu haben.
Hier ein kleiner Einblick in das Stadtbild Kalkuttas:
Was einem das Herz in Kalkutta zerreißt, sind die Rikschafahrer. Im Süden Indiens gibt es sie nicht mehr, doch im Norden, vor allem in Kalkutta, sieht man umso mehr davon: Rikschas die von Hand gezogen werden. Sally und ich saßen für ungefähr zehn Minuten in einer solchen Rikscha, doch der Fahrer tat uns unendlich leid, wie er durch diese überfüllten Straßen lief, eine schwere Rikscha hinter sich herzieht und dann auch noch barfüßig läuft!
Nach drei Tagen in Kalkutta ging es dann wieder zurück in den Süden! Mal wieder saßen wir für 28 Stunden im Zug nach Chennai, an der Ostküste. Da wir unser Projekt noch am Samstag, den 11. Dezember erreichen wollten, beschlossen wir also, von Chennai gleich weiter nach Suntikoppa zu fahren. Einen Katzensprung kann man das nicht nennen, deshalb saßen wir ungefähr sieben Stunden in einem Sleeping-Bus nach Bangalore, kamen dort in den Morgenstunden an und fuhren von dort noch einmal ungefähr sechs Stunden weiter nach Suntikoppa.
Der Grund für diese lange Reise war der siebte Geburtstag von Swastha, der am 11. Dezember, stattfinden sollte. Wir Glückspilze kamen rechtzeitig an und konnten das eingeübte Theaterstück der Kinder noch sehen!
Ihr fragt euch jetzt sicherlich, wie wir die lange Zugfahrten überstanden haben? Ganz ehrlich, ich kann es mir irgendwie selbst nicht erklären :-)
Nun sind wir noch ungefähr zwei Wochen in Indien, unglaublich wie schnell unsere Zeit hier verging! Sally und ich haben beschlossen, das Projekt früher zu verlassen, um noch einmal an die Küste Keralas zu fahren: zu den Backwaters. Das sind Städte, die von Flüssen durchlaufen werden und in denen sich das Leben zu großen Teilen auf dem Wasser abspielt. Aus diesem Grund haben wir also am Freitag unsere Sachen gepackt und erkunden Indien noch genauer.
Am 6. Januar fahren wir dann noch einmal nach Mumbai, um unseren indischen Bekannten Pervez zu besuchen und dann geht’s schon bald nach Thailand!
Bis bald und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2011!!!
Eure Lisa aus Indien